VAROUFAKIS-Interview, Zeitmagazin, 30.07.2015 – »ICH WURDE ALS GEFÄHRLICHER DUMMKOPF D ARGESTELLT«

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis – martin.zeis

»ICH WURDE ALS GEFÄHRLICHER DUMMKOPF DARGESTELLT«
Wie ist das, wenn man ganz Europa gegen sich aufgebracht hat?

Ein Gespräch mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister
Yanis Varoufakis

Im Anhang findet ihr die e-paper-Fassung des im heutigen Zeit-Magazins erschienenen Interviews. Im Folgenden dokumentieren wir wenige Auszüge des sechsseitigen Textes. Parallel erschien im heutigen Stern ein Interview von Arno LUIK mit Varoufakis, das zusätzliche, spezielle Einzelheiten enthält und vor allem ein Bild aus der Eurogruppe unmittelbar nach dem „mentalen Warterboarding“ von Tsipras abdruckt, auf dem Schäuble, Djisselbloem und der estländische Finanzminister Sester ihren „Sieg“ mit brüllendem Gelächter feiern (stern 43/2015, S.43).

Ein Hinweis an Zeitgenossen im Web aus Wien, Montreal und anderswo, welche unsere Recherche/Dokumentation/Eigentexte unter Wegschneiden des Absenders/Verfassers, z.T. des Kommentars/der Einordnung/weiterführender Quellenlisten, weiterverbreiten: Unter journalistisch redlich arbeitenden Leuten im Netz ist es Usus, den/die Namen der Postenden/der Quelle aufzuführen.

Herr Varoufakis, haben Sie Spaß daran, zu provozieren?

Nein, ich bin kein Provokateur. Aber ich liebe es, Diskussionen zu führen.

Sie haben die europäische Sparpolitik gegenüber Griechenland als »finanzielles Waterboarding« und »Terrorismus« bezeichnet.

Manche mögen das als provokativ empfinden. Das ist aber eine akkurate Beschreibung der Wirklichkeit. Die CIA hat Waterboarding bei Verhören angewendet, um ihre Opfer gefügig zu machen. Erst kurz vor dem Ersticken ließ man sie wieder Luft holen. Das ist eine nahezu perfekte Beschreibung für die Politik der Troika in meinem Land seit fünf Jahren. Man gibt uns gerade so viel Geld, dass wir nicht pleitegehen, aber nie genug, um wirklich überleben zu können. Die Wahrheit zu sagen ist keine Provokation.

Das heißt, die anderen Politiker lügen, wenn sie sagen, dass Griechenland vor allem selbst schuld an seiner Lage sei?

Das können Sie so sagen. Ich will das lieber nicht weiter kommentieren. Als ich in die Politik gegangen bin, habe ich mir geschworen: Wenn ich anfange, wie ein Politiker zu denken, trete ich zurück. Ich werde mich nicht um meiner politischen Karriere willen verbiegen. Wenn die Wahrheit zu sagen bedeutet, dass ich aus der Regierung fliege oder aus dem Parlament geworfen werde oder ins Gefängnis gehen muss, dann ist das so.

Sie übertreiben. Außerdem gibt es in der Griechenlandkrise erstaunlich viele Wahrheiten.
Ich sage auch nicht, dass ich in jedem Fall recht habe. Ich war immer bereit, in den Verhandlungen über nötige Reformen einerseits und nötige Hilfspakete andererseits Kompromisse zu schließen.

Sie haben einmal gesagt, in Ihrer Zeit als Finanzminister seien Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden. Wie haben Sie sich die Welt der Politik denn vorgestellt?

Ich habe nicht erwartet, dass die Treffen mit den anderen europäischen Finanzministern freundlich verlaufen werden. Aber ich habe geglaubt, dass wir am Ende einen Kompromiss finden, den beide Seiten akzeptieren können. So war es aber nicht.

Warum nicht?

Europa verleugnet seit 2008 die wahren Ursachen der griechischen Krise. Es ist wie in dem Shakespeare-Drama Macbeth: Ein Verbrechen führt zum nächsten Verbre- chen, eine Lüge führt zur nächsten Lüge. Wir haben jetzt schon viel zu hohe Schulden und sollen trotzdem neue Kredite aufnehmen. So etwas kann ich nicht unterstützen. Ich darf doch kein Geld annehmen, wenn ich weiß, dass ich es nie zu- rückzahlen kann.

Warum, glauben Sie, hat man es Ihnen dann vorgeschlagen?

Da müssen Sie die anderen europäischen Finanzminister fragen. Wir haben uns entschieden, unser Volk in einem Referendum darüber abstimmen zu lassen. Darüber haben sich die anderen Minister furchtbar aufgeregt. Einer von ihnen, einer von den Schlaueren, ich werde seinen Namen hier nicht nennen, sagte etwas Bemerkenswertes: Yanis, ich kann nicht glauben, dass du vorhast, über eine derart komplizierte Angelegenheit das griechische Volk entscheiden zu lassen. In diesem Moment dachte ich: Oh mein Gott! Jetzt wird die Demokratie abgeschafft. Das Recht auf politische Mitbestimmung gilt unabhängig davon, wie klug oder wie gut infor- miert jemand ist.

(…)

VAROUFAKIS-Interview-ZM150730.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.