Archiv der Kategorie: Philosophisches

Sahra WAGENKNECHT: Interview zu ihrem Buch „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ , NDS 29.03.2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 29.03.2016

Hallo zusammen,

im Folgenden Auszüge aus einem substanziellen Interview, das NDS-Herausgeber Albrecht Müller (AM) mit MdB Sahra Wagenknecht (SW) zu ihrem jüngst erschienenen Buch „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ (Campus Frankfurt/Main, März 2016, 292 S., 19,95 €) führte.

Viel Spaß bei der Lektüre.

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NDS, 29.03.2016 — www.nachdenkseiten.de/?p=32548

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AM: Was ist denn die Hauptbotschaft, die Sie mit diesem Buch vermitteln wollen? Was sollen die Leserinnen und Leser von Ihnen lernen?
SW: Es gibt zwei zentrale Botschaften. Die erste ist: Unsere aktuelle Wirtschaftsordnung, der Kapitalismus, erzeugt nicht allein eine immer größere soziale Ungleichheit, sondern ist auch längst nicht mehr so produktiv und innovativ, wie die meisten glauben. Im Gegenteil, in wichtigen Feldern wird Innovation blockiert oder – wie in der digitalen Welt – monopolisiert und so gegen die Allgemeinheit gewendet. Und die zweite Botschaft lautet: Es gibt eine vernünftige Alternative zum Kapitalismus, die die Scheinalternativen Markt- versus Planwirtschaft oder Privat- versus Staatswirtschaft hinter sich lässt. Die Grundrisse einer solchen neuen Wirtschaftsordnung versuche ich, im Buch zu skizzieren.
(…)
AM: Worin unterscheidet sich die neue Wirtschaftsordnung von der alten?
SW: Kurz zusammengefasst kann man sagen: sie würde den Wirtschaftsfeudalismus überwinden, wie er dem Kapitalismus bis heute eigen ist: also keine leistungslosen Millioneneinkommen aus Betriebsvermögen mehr, die auf der Arbeit anderer beruhen, und keine Vererbbarkeit der Kontrolle über Unternehmen. Seit Abschaffung der Monarchie ist es gesellschaftlicher Konsens, dass politische Macht nicht vererbbar sein sollte. Aber die Vererbbarkeit wirtschaftlicher Macht, die wesentlich folgenreicher ist, wird bis heute akzeptiert. Ich halte das für falsch.
AM: Auch die Verfassung von Unternehmen und Betrieben ist bei Ihnen ein zentraler Gegenstand des Nachdenkens und des Schreibens. Auch dies ist eigentlich kein Thema mehr in der sonstigen öffentlichen Debatte. Was ist die optimale Betriebs- und Eigentumsform, aus ihrer Sicht?
SW: Ja, leider wird allseits hingenommen, dass Unternehmen heute Anlageobjekte sind, die in erster Linie der Geldvermehrung ihrer Anteilseigner dienen. Aber das ist doch nicht alternativlos. Ich zeige am Beispiel der ältesten deutschen Unternehmensstiftung, der Carl-Zeiss-Stiftung, dass Unternehmen gar nicht notwendigerweise externe Eigentümer brauchen. Was sie brauchen, ist eine effektive Kontrolle des Managements durch Leute, die an einer langfristig guten Unternehmensentwicklung interessiert sind. Die heutigen Eigentümer – Finanzinvestoren oder Erbendynastien – sind das oftmals gar nicht, sie wollen vor allem möglichst viel Geld aus dem Unternehmen herausholen. Für die Belegschaft dagegen ist das Unternehmen die Grundlage ihrer sozialen Existenz, deshalb ist es sinnvoll, wenn die Kontrollorgane aus gewählten Vertretern der Belegschaft bestehen.
AM: Ein mögliches Modell ist aus Ihrer Sicht die sogenannte Mitarbeitergesellschaft? Wie sähe das konkret aus?
SW: Eine Mitarbeitergesellschaft ist kein Unternehmen, an dem die Mitarbeiter verkäufliche oder vererbbare Anteile halten und auf hohe Dividenden warten. Meine zentrale These ist vielmehr, dass der römische Eigentumsbegriff für Unternehmen nicht passt. Eine Mitarbeitergesellschaft gehört wie eine Stiftung sich selbst, sie hat keine externen Eigentümer, und muss daher auch an niemanden Geld ausschütten. Aber die Belegschaft bestimmt die Besetzung des Kontrollorgans, das über die Unternehmensleitung entscheidet und ihr die Ziele vorgibt. Die Ziele würden unter solchen Bedingungen sicher nicht lauten, Maximierung des kurzfristigen Gewinns, sondern: langfristiges Unternehmenswachstum, solide Gewinne, um Investitionen zu finanzieren, aber eben keine Erhöhung der Rendite mittels prekärer Jobs oder durch Verlagerung in Niedriglohnländer.
AM: Und was wäre die „Gemeinwohlgesellschaft“? Und wie würde sich diese von der „Öffentlichen Gesellschaft“ unterscheiden? Ist das nicht ein bisschen verwirrend?
SW: Die Öffentliche Gesellschaft ist genau wie die Mitarbeitergesellschaft ein kommerzielles Unternehmen, bei dem allerdings wegen seiner Größe die öffentliche Hand ebenfalls Vertreter ins Kontrollorgan entsendet. Die Gemeinwohlgesellschaft dagegen arbeitet nicht gewinnorientiert und ist dort angebracht, wo Märkte schlicht nicht funktionieren oder aus ethischen Gründen keinen Platz haben. Ein Krankenhaus etwa muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern muss Kranke optimal behandeln. Wenn dagegen betriebswirtschaftliche Kriterien über die gewählte Therapie entscheiden, ist das einfach pervers. Ein anderes Beispiel ist die digitale Wirtschaft, in der aufgrund des Netzwerkeffekts lauter Monopole entstehen. Überlassen wir diese wichtigste Infrastruktur des 21. Jahrhunderts weiterhin privaten Datenkraken, werden wir alle verlieren. Hier brauchen wir gemeinnützige Anbieter.
(…)
— vollständiges Interview im Anhang —

Wagenknecht-Reichtum-ohne-Gier-Interview160329.pdf

KenFM im Gespräch mit: Eugen Drewermann

Veröffentlicht am 20.03.2016

Eugen Drewermann ist das Gegenteil eines Menschenfeindes. Er spricht selbst über die, die ihn verraten und verkauft haben, nicht abfällig, und das sind eine Menge Leute. Sie alle haben etwas gemeinsam. Sind waren und sind Teil einer Struktur, in der weniger der Einzelne und sein Tun zählt, sonder mehr seine Position in der Machtpyramide und sein Unterlassen.

Drewermann prangert vor allem das Unterlassen an. Das Unterlassen von Mitgefühl. Das Unterlassen von Widerstand. Das Unterlassen von Wahrhaftigkeit.

Wir leben in einer durch und durch korrumpierten Welt, in der jeder für sich, mehr oder weniger, versucht, sich über Wasser zu halten. Immer mehr Menschen sind bereit, dafür andere untergehen zu lassen, aus Angst, sonst als nächstes an die Reihe zu kommen. Dieses System trägt den verharmlosenden Namen Marktwirtschaft und gibt vor, demokratisch zu sein und sich um das Wohl der Massen zu bemühen.

In Wirklichkeit herrscht eine kleine Elite über den großen Rest, indem sie verkündet, die Massen wären in Kern identisch. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die größte Gemeinsamkeit aller Menschen ist ihre Individualität. Individualität und Profit beißen sich, denn nur wenn man uns alle gleich macht, kann eine Macht die Massen gleichmäßig und damit global unterdrücken.

Das System ist perfide, schmeckt süß und glänzt in den buntesten Farben, aber es kommt nicht ohne Gewalt aus. Gewalt nach Außen, Gewalt im Inneren. Systemgewalt. Jeder, der diese Mechanik erkannt hat und laut ausspricht, wird vom System attackiert und isoliert. Man versucht, an ihm ein Exempel zu statuieren, indem man zum Beispiel alles dafür tut, um die wirtschaftliche Situation zu zerstören. Die physische Vernichtung wird bei diesen Machtspielchen billigend in Kauf genommen, um nicht zu sagen – erwünscht.

An Eugen Drewermann haben sich schon unzählige Personen die Zähne ausgebissen. Der Theologe und Kirchenkritiker ist aber unkaputtbar. Als Psychoanalytiker kennt er sich aus mit dem menschlichen Verstand, als Priester hat er gute Verbindungen nach ganz Oben. Der Autor Drewermann ist aber alles andere als entrückt. Im Gegenteil. Er weiß bis ins letzte Detail, was Sache ist. Ob NATO-Übung oder Geldsystem, Neoliberalismus oder Propagandatechniken der Massenmedien, Eugen Drewermann ist ein wandelndes Archiv. Ein Beobachter und Analyst.
Mit ihm zu sprechen war eine echte Herausforderung, denn seine Antworten dauern mitunter 15 Minuten und bauen Gedanken zu komplexen Gebäuden, die, wenn sie schlüsselfertig vollendet wurden, dem Zuhörer Räume eröffnen, die dieser zuvor gar nicht kannte. „Sapere Aude“ könnte man die Begegnung mit diesem Denker zutreffend zusammenfassen. Wage es, weise zu sein.

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Sergey LAVROV: "Russia’s Foreign Policy: Historical Background"; Global Affairs, March 3, 2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 03.03.2016

Dear all,

today the Ministry of Foreign Affairs of The Russian Federation published a striking article by Sergey Lavrov about Russia’s foreign policy over the course of the last 1000 years.

(full text attached, pdf-file 8p)

Greets
Martin Zeis

— E X C E R P T —

http://www.mid.ru/en/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/2124391

The Ministry of Foreign Affairs of The Russian Federation,
Foreign policcy / News
3 March 2016 09:20

Sergey Lavrov’s article “Russia’s Foreign Policy: Historical Background” for “Russia in Global Affairs” magazine, March 3, 2016

„International relations have entered a very difficult period, and Russia once again finds itself at the crossroads of key trends that determine the vector of future global development.

Many different opinions have been expressed in this connection including the fear that we have a distorted view of the international situation and Russia’s international standing. I perceive this as an echo of the eternal dispute between pro-Western liberals and the advocates of Russia’s unique path. There are also those, both in Russia and outside of it, who believe that Russia is doomed to drag behind, trying to catch up with the West and forced to bend to other players’ rules, and hence will be unable to claim its rightful place in international affairs. I’d like to use this opportunity to express some of my views and to back them with examples from history and historical parallels.

It is an established fact that a substantiated policy is impossible without reliance on history. This reference to history is absolutely justified, especially considering recent celebrations. In 2015, we celebrated the 70th anniversary of Victory in WWII, and in 2014, we marked a century since the start of WWI. In 2012, we marked 200 years of the Battle of Borodino and 400 years of Moscow’s liberation from the Polish invaders. If we look at these events carefully, we’ll see that they clearly point to Russia’s special role in European and global history.

(…)

Speaking about Russia’s role in the world as a great power, Russian philosopher Ivan Ilyin said that the greatness of a country is not determined by the size of its territory or the number of its inhabitants, but by the capacity of its people and its government to take on the burden of great world problems and to deal with these problems in a creative manner. A great power is the one which, asserting its existence and its interest … introduces a creative and meaningful legal idea to the entire assembly of the nations, the entire “concert” of the peoples and states. It is difficult to disagree with these words.“

LAVROV-Russia’s-Foreign-Policy160303.pdf