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Wieviel Markt hält der Mensch noch aus? – Franz J. Hinkelammert – Utopie Kreativ Heft 113 März 2000

Zeitschrift «Utopie Kreativ» (Archiv)
Autor/Innen: Franz J. Hinkelammert
Erschienen: März 2000

Wieviel Markt hält der Mensch noch aus?

Utopie Kreativ Heft 113 März 2000

UTOPIE kreativ, H. 113 (März 2000), S. 223-231

Franz J. Hinkelammert – Jg. 1931; studierte Wirtschafts-wissenschaften in Freiburg, Hamburg und Münster, seit 1963 in Lateinamerika tätig, seit 1976 Professor für Wirtschafts-wissenschaften an den Universitäten Tegucigalpa (Honduras) und Heredia (Costa Rica) sowie Mitarbeiter am Ökumenischen Forschungszentrum (Departamento Ecumenico de Investigaciones, Apartado Postal 389-2070, Sabanilla, San José, Costa Rica); veröffentlichte u.a.: »Die ideologischen Waffen des Todes. Zur Metaphysik des Kapitalismus« (1985) und »Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschafts-theorie« (dt. 1994).

Der vorliegende Beitrag wurde erstmals publiziert in: »Junge Kirche. Zeitschrift europäischer Christinnen und Christen«, Heft 5/98 (Mai 1998), S. 265-275.

Am 14. März 2000, 19 Uhr spricht Franz J. Hinkelammert in Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin-Friedrichshain zum Thema: Gerechtigkeit – wider den eurozentristischen Blick

Diese Verantwortung ergab sich nicht nur als eine ethische Verantwortung, sondern ebenso sehr als Bedingung der Möglichkeit allen zukünftigen Lebens auf der Erde. Die ethische Forderung und die Bedingung der Möglichkeit des menschlichen Lebens ergaben sich als eine einzige Forderung. Das Ethische und das Nützliche hatten sich vereinigt trotz aller positivistischen Denktraditionen, die seit langem beide Elemente sorgsam zu trennen versuchten.

Aufs neue ergibt sich die Verantwortung des Menschen für die Erde. Aber dieses Mal handelt es sich um eine Verantwortung gegenüber den Auswirkungen der Methoden der empirischen Wissenschaften.

In all den genannten Formen zwingt sich uns die Verantwortung für eine globalisierte Wirklichkeit gleichsam auf, obwohl sich die Verantwortung keineswegs automatisch ergibt. Unsere Gegenwart ist eher durch die Ablehnung oder die Umgehung dieser Verantwortung gezeichnet. Dennoch handelt es sich um eine Verantwortung, der gegenüber es keine Neutralität gibt. Wir sind verantwortlich, auch wenn wir es nicht wollen, selbst wenn wir es nicht können. Lehnen wir die Verantwortung ab, werden wir sie nicht los, sondern sind verantwortungslos. Wir entkommen der Wahl nicht. Entweder machen wir uns verantwortlich für den Globus oder wir nehmen teil an seiner Zerstörung.

Aber wenn ich mich als Teil der Menschheit oder als Subjekt einer Reihe von menschlichen Generationen verstehe, ist dieser zynische Ausweg der Verantwortungs-losigkeit verschlossen. Dann muß ich die Verantwortung übernehmen. Ethik und Nützlichkeit vereinigen sich und stehen damit im Widerspruch zum Nutzenkalkül. (…)

Die Zerreißprobe als Grenze

Der General Massis (gemeint wohl: MASSU StB), der die militärischen Operationen während des Algerienkrieges leitete, sagte: »Die Folter ist effizient, folglich ist sie notwendig.« Von der Effizienz geht er über zur Notwendigkeit. Aber eine solche Effizienz ist nur möglich dadurch, daß man bis an die Grenze des Möglichen vorstößt. Die Folter ist nur effizient, wenn sie den Gefolterten bis zur Grenze des Erträglichen treibt.

Es ist wie bei der Materialzerreißprobe. Man weiß die Grenze niemals ex ante. Reißt das Material, weiß man, daß man die Grenze der Belastbarkeit überschritten hat, das heißt, man weiß es ex post. Im Fall des Materials weiß man jetzt, bis zu welchem Punkt man es belasten kann.

Im Falle der Folter aber ist das anders. Überschreitet man die Grenze, ist der Gefolterte tot. Aber die Grenze der Belastbarkeit kann man nur wissen, indem man sie überschreitet. Dieses Wissen kann man allerdings, im Unterschied zur Materialzerreißprobe, nicht mehr anwenden. Die Effizienz aber braucht diesen Begriff der Grenze und braucht die Vorstellung, die Probe bis zur Grenze zu treiben.

Diese Vorstellung der Folter ist bereits in der Wiege der Erfahrungswissenschaften zu finden. Vor mehr als 300 Jahren kündigte Francis Bacon die Naturwissenschaften mit dieser Vorstellung an: ›Man muß die Natur auf die Folter spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt.‹ Er faßte die Naturwissenschaften als ununterbrochene Vivisektion der Natur auf. Ganz wie der General Massis hätte auch er sagen können: »Die Folter ist effizient, folglich ist sie notwendig.«

Auf die Frage eines Journalisten: »Was wird also Ihrer Ansicht nach in einer modernen globalisierten Wirtschaft geschehen?« antwortet Thurow: »Wir testen das System? Wie tief können die Löhne fallen, wie hoch kann die Arbeitslosenquote steigen, ehe das System bricht. Ich glaube, daß die Menschen sich immer mehr zurückziehen … Ich bin überzeugt daß der Mensch in der Regel erst dann die Notwendigkeit einsieht, Dinge zu ändern, wenn er in eine Krise gerät« (Spiegel 40/96, S. 146).

Das ist die Materialzerreißprobe, jetzt angewendet auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn es wird nicht einfach das System getestet, sondern alle Menschlichkeit.

Darauf folgt dann die Frage eines Journalisten: »Wieviel Markt hält Demokratie aus?« Und eine Zeitschrift fragt: »Wieviel Sport ertragen die Alpen?«

Alles wird gefoltert, alles wird der Zerreißprobe ausgesetzt: die Natur, die zwischenmenschlichen Beziehungen, das Leben und der Mensch selbst. Der Nutzenkalkül erfaßt alles und in seiner Konsequenz zerstört er alles.

weitere Schriften von Franz Josef Hinkelammert
Der Rechtsstaat ohne Menschenrechte und die Aushöhlung unserer Demokratie; Aufsatz, 22 S., Mai 2005;
URL: www.rosalux.de/publication/16683/der-rechtsstaat-ohne-menschenrechte-und-die-aushoehlung-unserer-demokratie.html
pdf-Datei: www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Hinkelammert_Rechtsstaat.pdf

Ulrich DUCHROW: Theologische Alternativen zum globalen Kapitalismus – Franz J. HINKELAMMERT: Der Kapitalismus als Religion; Paper, 28 S., Mai 2013, URL: www.rosalux.de/publication/39811/theologische-alternativen-zum-globalen-kapitalismus-der-kapitalismus-als-religion.html
pdf-Datei: www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/rls_papers/Papers_TheologAlternativen.pdf

Sand im Getriebe Nr. 112 mit Material und Themen zu TTIP etc. – attac.de

Hallo allerseits,

gerade noch rechtzeitig zum Aktionstag gegen TTIP,  TISA,CETA etc steht die neue SiG mit viel Material zu diesem Thema im Netz.
http://www.attac.de/uploads/media/sig_112.pdf
Die Linkliste von attac-Österreich ist diesmal noch nicht ferrtig, sie folgt.

Anbei erst einmal Vorwort und Inhaltsverzeichnis und darunter die letzte Meldung über unseren Teilerfolg.

Beste Grüße
Peter Strotmann

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SiG112     „Den Angriff auf soziale und ökologische Standards und auf den globalen Süden STOPPEN
„Es gibt einen harten geopolitischen Zusammenhang hinter den beiden „kommerziellen“ Pakten:
Das transpazifische TPP schließt China aus und TTIP schließt Russland aus.  Sie bedeuten eine kaum verhüllte Verbindung zu einem zukünftigen Handelskrieg“ 
Pepe Escobar (http://www.tomdispatch.com/blog/175903/ )

Vorwort:

Sind die geplanten Investitions- und Freihandelsabkommen (TTIP, CETA, TiSA und TPP ) „Partnerschaften“ oder eher Instrumente zur besseren Ausbeutung der Völker und zur Plünderung des Planeten, zur Abschottung gegen den Aufstieg der Schwellenländer  – also eine neue Form von Protektionismus, diesmal nicht nur mit dem Instrument der Zölle, sondern z.B. mit Investitionsschutz für große Konzerne, der die Handlungsfähigkeit demokratisch bestimmter Politik abbauen wird? Allerdings hat diese Offensive wie ein Weckruf gewirkt und gegen die Wirtschafts-NATO werden breite Bündnisse aufgebaut. Gewerkschaften werden nicht nur gegen TTIP, sondern auch gegen CETA und TiSA aktiv. Der englische Trade Union Congress forderte am 23.9.2014, dass die Gewerkschaften sich für einen Stopp der TTIP Verhandlungen einsetzen und eine deutliche Position gegen TTIP und andere Handelsabkommen einnehmen. Die selbstorganisierte Europäische Bürgerinitiative gegen TTIP und CETA hat begonnen. Rund 200 Organisationen weltweit weisen über den Aktionstag am 11. Oktober hinaus: „Wir möchten alle dazu ermuntern, in ihren jeweiligen Netzwerken die Durchführung eines weltweiten Aktionstags gegen den Freihandel im zweiten Quartal 2015 ins Auge zu fassen, unter anderem um das infame Schlichtungsverfahren für Streitigkeiten zwischen Investoren und Staaten zu Fall zu bringen und den Vorrang der Rechte der Bevölkerungen vor der ungeheuren Macht und der Straflosigkeit multinationaler Unternehmen zu bekräftigen.“ Hélène Cabioc’h (attac Frankreich) und Amélie Canonne (AITEC) zeigen auf, wie viele verschiedene Akteure sich gegen TTIP wenden. Sie erörtern, wie eine internationale Front gegen Investitions- und Freihandelsabkommen mit langem Atem aufgebaut werden könnte – auch gegen die Abkommen, die mit Ländern des Südens abgeschlossen wurden oder werden sollen.

Zur Festigung der Blockbildung gegen den Rest der Welt veranstalten die G7-Mächte (G8 ohne Rußland) im Juni 2015 ihren Gipfel im bayrischen Schloss Elmau. Sie müssen sich wohl – wie in Heiligendamm – auf Massenproteste gegen ihr neoliberales und kriegerisches Regime der Weltherrschaft gefasst machen. Die Friedensbewegung wird sich Anfang 2015 schon mal zu großen Protesten gegen die Münchener Un-Sicherheitskonferenz warmlaufen.

Walden Bello untersuchte in einem Vortrag auf der „Europäischen Sommerakademie“ in Paris die neuen Kriege und die Rolle von EU und USA in ihnen. „Die Förderung der Menschenrechte wurde verbogen und zur zentralen ethischen Säule humanitäre Interventionen.“ Man sollte allerdings „den Widerstand der Völker gegen die imperialistischen Interventione nicht unterschätzen. Sie wenden sich gegen die Bereitschaft der europäischen Staaten, sich als untergeordnete Ergänzung der USA missbrauchen zu lassen“. Mohssen Massarrat kommentiert das Vorgehen u.a. der USA gegen die IS-Faschisten: “Die Bekämpfung des sogenannten „Islamischen Staates“ liegt allein in der Hand der betroffenen Staaten“ und fordert eine regionale Friedenskonferenz ohne den Westen. Sabine Leidig berichtet aus den kurdischen Gebieten: Die Leute hier trauen dem türkischen Militär überhaupt nicht. Ihre Forderung ist eher, die kurdische Selbstverwaltung und die kurdischen Kämpfer zu stärken.“ Der indische Wissenschaftler Vijay Prashad meint, Präsident Obama sollte: „den Krieg in Syrien deeskalieren…und auf die Türkei Druck auszuüben, die Politik der offenen Tür für internationale Dschihadisten zu beenden“. Die IG Metall Stuttgart lehnt Rüstungsexporte und Rüstungsproduktion ab und will die Konversionsdebatte aktiv führen. „Die IG Metall ist Teil der Friedensbewegung“.

Gegen den Skandal der wachsenden Polarisierung innerhalb und zwischen unseren Gesellschaften gibt es immer mehr Kritik und Sehnsucht nach Gleichheit. Beigetragen dazu haben nicht nur die „Occupy Wallstreet“-Bewegung und die vielen Sozialbewegungen, sondern in ihrem Gefolge Thomas Piketty mit seinem epochalen Werk „Kapital im 21.Jahrhundert“. Piketty resumiert: „Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass Wachstum aus sich heraus Gleichgewicht schafft. Es ist höchste Zeit, die Frage der Ungleichheit wieder in den Fokus der Wirtschaftsanalyse zu rücken und die im 19. Jahrhundert offengebliebenen Fragen neu zu stellen. Die Frage der Vermögensverteilung wurde zu lange von den Ökonomen vernachlässigt.“ Rainer Rilling bedauert in einer Rezension Pikettys begrenzten Kapitalbegriff, begrüßt aber die neue Gerechtigkeitsdebatte unter dem Titel „Der Kapitalismus ist eine Ungleichheitsmaschine.“

Uli Brand fragt in seinem Bericht über die Leipziger Degrowth Konferenz: Ist das „Der Beginn einer Bewegung?“ . Fiebersenkende Maßnahmen für den Planeten fordert die Erklärung unzähliger Organisationen anläßlich der weltweiten Mobilisierung zum Klima-Gipfel in New York im September 2014.

Degrowth: Der Beginn einer Bewegung? – Ulrich Brand – Blätter f. dt. u . i. Politik 10/2014

Degrowth: Der Beginn einer Bewegung?

von Ulrich Brand

Im Rückblick wird klar: Die großen politischen Mobilisierungen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007, kurz vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise, waren nicht nur der Höhe- und vorläufige Endpunkt einer Bewegung, sondern gleichzeitig Nährboden für neue. Damals ging es um eine Kritik an der Verfestigung einer neoliberalen und neoimperialen Weltordnung, die sich im informellen Zusammenschluss der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russland äußerte.

Heiligendamm war Sozialisationsmoment einer Generation junger und radikaler Aktivistinnen und Aktivisten und belebte sowohl die Debatten einer politisch älteren Generation als auch institutioneller Akteure wie der Linkspartei oder in Teilen der Gewerkschaften. Heiligendamm wurde zum Auftakt einer starken Repolitisierung. Spielten damals ökologische Themen noch keine wesentliche Rolle, standen diese spätestens seit den Protesten anlässlich der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 in der bundesdeutschen globalisierungskritischen Linken wieder stärker im Vordergrund.

In beeindruckender Weise kam all dies Anfang September auf der vierten Leipziger Degrowth-Konferenz zum Ausdruck.[1] Man fühlte sich an den ersten großen Attac-Kongress im Jahr 2001 in Berlin erinnert: Eine unerwartet hohe Anzahl von über 3000 Teilnehmenden verbreitete Aufbruchsstimmung – kurzum: Das jüngste Treffen war der bewegungspolitische Kongress des Jahres 2014 schlechthin – und er kam genau zum richtigen Zeitpunkt.

Wichtige Vorbedingung für die immense Größe und thematische Ausrichtung des Treffens waren sicherlich die fünf McPlanet-Kongresse zwischen 2003 und 2012, auf denen bereits globalisierungskritische und sozial-ökologische Themen zusammengeführt worden waren, sowie der Attac-Kongress „Jenseits des Wachstums“ in Berlin 2011, der die wachstumskritische Debatte wieder nach Deutschland brachte.

Die Degrowth-Perspektive

Im Vergleich zu den viel kleineren vorangegangenen Degrowth-Konferenzen in Paris, Barcelona, Venedig und Montreal, bei denen wissenschaftliche Diskussionen im Vordergrund standen, war der Leipziger Kongress deutlich stärker bewegungsorientiert. Den Organisatoren gelang es, die Grenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Spektren zu überwinden. Dafür haben insbesondere die politischen Stiftungen von SPD, Linkspartei und Grünen, kirchliche entwicklungspolitische Gruppen und die Präsenz von Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Globalen Süden gesorgt. Die entscheidende Rolle spielte jedoch der politische Inhalt: Degrowth.

Das Thema Degrowth – übersetzt in etwa mit Wachstumsrücknahme, Postwachstum, Entwachsen, Wachstumswende, Wachstumskritik – hat hierzulande nicht zuletzt durch die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages einige Aufmerksamkeit erfahren.[2] In den vergangenen Jahren sind zudem verschiedene, breit beachtete Beiträge zum Thema erschienen.[3]Die Degrowth-Perspektive ist aber auch der radikale und in Ansätzen kapitalismuskritische Teil einer umfassenderen Debatte, die aktuell unter Begriffen wie Große oder sozial-ökologische Transformation geführt wird.[4] Dazu gehören auch Vorschläge eines qualitativen Wachstums, wie sie im gewerkschaftlichen Spektrum diskutiert werden.

In Leipzig wurde deutlich, dass die Debatte um einen anderen Wohlstand vor allem im globalisierungskritischen, kirchlichen sowie im umwelt- und entwicklungspolitischen Spektrum geführt wird. Auch alternativökonomische Ansätze waren überaus präsent.[5] Die Kritik am kapitalistischen Wirtschaftswachstum bzw. den damit verbundenen Zwängen für Kapital und Investoren, Staat, Gewerkschaften und Beschäftigte hat sich somit in den letzten Jahren zum breit akzeptierten Ansatz entwickelt, der allerdings nicht per se links und emanzipatorisch konnotiert ist.[6] Entsprechend wiesen die Veranstalterinnen und Veranstalter auf verschiedene Strömungen hin: suffizienzorientiert, sozialreformerisch, kapitalismuskritisch, feministisch.

Grundsätzlich impliziert in Zeiten, in denen das offizielle Krisenrezept „Wachstum, Wachstum, Wachstum!“ lautet, bereits der Begriff De-Growth eine antagonistische Semantik: „Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Rücksicht auf ökologische Grenzen in offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien leben. Ressourcen werden durch neue Formen demokratischer Institutionen gleicher verteilt.“[7]

Suffizienz und Commons, Demokratie und Solidarität

Nach 15 Jahren Globalisierungskritik – seit der WTO-Konferenz in Seattle Ende 1999 (für andere beginnt die Bewegung bereits mit dem Aufstand der Zapatisten 1994 in Chiapas) – und im Lichte der unzureichenden Krisenpolitiken hat sich die Kritik am Neoliberalismus zu einer Kritik am Kapitalismus entwickelt.[8] Damit ist Kapitalismuskritik heute wieder salonfähig und meint mehr als Thomas Pickettys verteilungspolitischer Ansatz.

Zudem werden alternative Erfahrungen und Vorschläge selbstbewusster vorgebracht als noch vor einigen Jahren. Nina Treu vom Leipziger Organisationskomitee formulierte denn auch eingangs, dass vor drei Jahren auf dem Attac-Kongress „Jenseits des Wachstums“ noch intensiv die Frage diskutiert wurde, ob es Alternativen zum kapitalistischen Wachstum gäbe. Diese Frage sei inzwischen klar mit „ja“ beantwortet.

Die Bandbreite von praktischen Initiativen und Vorschlägen, die sich in Veranstaltungen, den offenen Diskussionsformaten wie dem Group Assembly Process sowie an den Tischen der Initiativen zeigte, war denn auch beeindruckend: solidarisches und vorsorgendes Wirtschaften, Arbeit und hier vor allem progressive Arbeitszeitpolitik, die Stärkung der Gemeingüter und der urbanen Landwirtschaft, die Neugestaltung der Bereiche Ernährung, Mobilität, Wohnen und Stadtentwicklung und ein anderer Konsum – weniger zentral waren Themen wie Produktion und Konversion. Starke Begriffe wie Suffizienz und Commons, Demokratie und Solidarität sowie die Prinzipien des Teilen und Leihens zogen sich durch die Debatten. Auch der Kampf um die selbstbestimmte Verfügung über individuelle und kollektive Zeit spielte immer wieder eine Rolle. Das ist alles nicht neu, wird aber stärker als bisher zueinander in Beziehung gesetzt.

Eine mögliche Klammer für all diese Ansätze benannte Barbara Muraca vom Postwachstumskolleg an der Universität Jena in ihrem bemerkenswerten Hauptreferat: Die aktuellen Diskussionen stehen im normativen Horizont von Auseinandersetzungen darum, die Bedingungen für ein gutes Leben für alle zu schaffen, was ein nicht-zerstörerisches Verhältnis zu den natürlichen Lebensgrundlagen impliziert.

Aufbruch oder Strohfeuer?

Die Konferenz wurde zum Raum für Begegnung für die verschiedensten Initiativen und Ansätze: Diskussionen waren solidarisch und getragen von dem Wunsch, die Degrowth-Perspektive weiterzuentwickeln und auf ihre Tragfähigkeit für unterschiedliche Konfliktfelder zu prüfen.

Was allerdings weitgehend fehlte, waren „große“ Debatten um angemessene Zeitdiagnosen und Strategien, auch um Theorien und theoriegeleitete Analysen. Vieles lief nebeneinander her, ohne sich in eine gemeinsame, strategische Perspektive einzufügen. Das ist dem gegenwärtigen historischen Moment wahrscheinlich angemessen. Angesichts der Erfahrung, dass sich das politische, wirtschaftliche und kulturelle Establishment nicht um Kritik und Alternativen scheren muss, ist allein das Insistieren auf Alternativen wichtig. Zudem öffnet es Denk- und Handlungsräume für breite Bündnisse. Man kann nur hoffen, dass der Verzicht auf produktiven politischen Streit (um Situationseinschätzungen und angemessene Strategien) den Aufbruch nicht zu einem Strohfeuer werden lässt.

Dieser Aspekt ist umso wichtiger, weil die Degrowth-Perspektive einen umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozess anleiten muss – Change by Design, nicht Change by Desaster. Ein ungeplantes und abruptes Degrowth führt hingegen zu Verhältnissen wie in Griechenland. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, wie eine Politik der konkreten Widerstände, Alternativen und Gegenkulturen mit einer emanzipatorischen Politik verbunden werden kann, die darauf abzielt, herrschende Kräfteverhältnisse und Logiken zu verändern. Nischen sind wichtig, aber sie reichen eben nicht. Das wurde zwar immer wieder betont, konkrete Strategien sind aus dieser Erkenntnis auf der Konferenz allerdings nicht erwachsen. Was könnten gesamtgesellschaftliche, ja sogar weltgesellschaftliche Perspektiven sein, die nicht einem großen Masterplan folgen, aber doch all die Debatten um Alternativen widerspiegeln, die vielen produktiven Ansätze absichern und problematische Entwicklungen und Kräfte zurückdrängen? Wie werden beispielsweise globale Ressourcenflüsse umgelenkt und verringert, wie Investitionen zum Gegenstand demokratischer Aushandlung?

Hier liegt wahrscheinlich der stärkste Widerspruch der in Leipzig präsenten Bewegungen und Ansätze. Während Degrowth eine umfassende Kritik an kapitalistischen Wachstumszwängen formuliert, sind die Alternativen zuvorderst sehr praktische Versuche im Kleinen, alternative Lebensformen zu organisieren.

Bewegung für ein Gutes Leben für alle?

Letztlich sind solche Treffen immer Ausdruck und Kristallisationspunkte bestehender Initiativen und Diskussionen. Sie ersetzen keine sozialen Bewegungen, aber sie tragen zur Vergewisserung und Selbstverständigung bei. Es wäre daher vermessen, im Kongress den Ausgangspunkt einer neuen wachstumskritischen Bewegung oder gar einer Degrowth-Bewegung zu sehen. Ebenso falsch wäre es jedoch, solche Treffen darauf zu reduzieren, „herzerwärmendes Gemeinschaftsgefühl“[9] zu stiften. Entscheidend wird vielmehr sein, Wachstumskritik in eine breite Debatte darüber zu transzendieren, wie Wohlstand und Lebensqualität von allen und für alle Menschen solidarisch und demokratisch geschaffen und gelebt werden können, ohne die biophysikalischen Grundlagen der Menschheit ernsthaft zu gefährden. Hierfür war der Kongress ein vorzüglicher Ausgangspunkt, vielleicht auch schon eine Zwischenetappe.

Die Leipziger Konferenz zeigte, wie wichtig vielfältige Initiativen sind, wie sehr sich Veränderungen in Nischen zu entwickeln beginnen, wie stark es Räume der Politisierung, des Austauschs, der Kooperation bedarf – und wie rasch sich solche Ansätze wahrscheinlich an herrschaftlichen Strategien brechen werden, wenn es nicht zu umfassenden Bündnissen kommt, die sozial-ökologische Transformationsprozesse vorantreiben.

Bisher sind diese Bündnisse allerdings noch nicht absehbar. Die Stärke des Degrowth-Vorschlags könnte derzeit eher darin bestehen, dass er sich nicht in die eine, klare Bewegung kanalisieren lässt, sondern dass bestehende und entstehende Akteure die damit verbundenen Vorschläge aufnehmen. Insofern wird es auch nicht die eine Degrowth-Strategie geben. Dennoch wird es in Zukunft darauf ankommen, eine bestimmte Deutung des Degrowth-Begriffs zu stärken – nämlich jene, die unauflöslich mit Fragen der Gerechtigkeit und mit zu verändernden Herrschaftsverhältnissen verbunden ist.

Andernfalls wird der Begriff – und auch das war in Leipzig mitunter spürbar – zur radikalen, aber politisch folgenlosen Geste einer jüngeren und nicht mehr so jungen ökolibertären Mittelschicht mit geringer Sensibilität für sozialstrukturelle Ungleichheit und Machtfragen, bei der manchmal sogar eine Portion elitäres Unverständnis für die immer noch an der „Konsum- und Wachstumsnadel hängenden Massen“ mitschwingt.

[1] Getragen wurde der Kongress von fünf Institutionen: dem Förderverein Wachstumswende, dem Leipziger Konzeptwerk Neue Ökonomie, dem von der DFG finanzierten Forschungskolleg „Postwachstumsgesellschaften“ an der Universität Jena, der Gruppe „Research & Degrowth“ und der Universität Leipzig. 

[2] Enquete-Kommission, Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages. Drucksache 13/300. Berlin 2013. 

[3] Irmi Seidl und Angelika Zahrnt (Hg.), Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Marburg 2010; Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, München 2011; Niko Paech, Befreiung vom Überfluss, München 2012. 

[4] Vgl. etwa Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Berlin 2011; Dieter Klein, Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus, Hamburg 2013; Michael Brie (Hg.), Futuring. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus, Münster 2014. 

[5] Große Teile der radikalen Linken – etwa das migrationspolitische und antirassistische Spektrum oder die Blockupy-Initiative mit ihrer Kritik an der europäischen Austeritätspolitik – fehlten indes, obwohl es ihnen im Kern um eine Kritik der herrschenden Produktions- und Lebensweise geht. 

[6] Einen Überblick bietet etwa Barbara Muraca, Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin 2014. 

[7] Programmheft der Degrowth-Konferenz, S. 2. 

[8] Friederike Habermann, Geschichte wird gemacht! Etappen globalen Widerstands, Hamburg 2014. 

[9] Vgl. „die tageszeitung“, 3.9.2014.

(aus: »Blätter« 10/2014, Seite 29-32)
Themen: KapitalismusÖkologie und Soziale Bewegungen


Stephan Best sbest@gmx.net +491781705671 http://steven25.wordpress.com/ globalcrisis-globalchange/News

Degrowth – eine konkrete Utopie – Barbara Muraca , Johannes Heimrath , erschienen in 28/2014 – OYA

Degrowth – eine konkrete Utopie

Johannes Heimrath sprach mit der ­Philosophin Barbara Muraca, die am Kolleg »Postwachstumsgesellschaften« der Friedrich-Schiller-Universität in Jena forscht.

von Barbara Muraca , Johannes Heimrath , erschienen in 28/2014

http://www.oya-online.de/article/read/1498-degrowth_eine_konkrete_utopie.html

Barbara, wir sind uns im Februar 2011 bei einer Schrumpfungstagung begegnet. Meine Lippe war blutiggeschlagen, weil mich in der Nacht zuvor ein Bundespolizist bei einer Mahnwache gegen einen Castor-Transport vor Lubmin niedergeknüppelt hatte. Du sprachst zu meiner Freude über den Rebound-Effekt – dass effizientere Technik meist höheren Ressourcenverbrauch nach sich zieht. Diese Perspektive wird bis heute von kaum jemandem zur Sprache gebracht. (…)

Viel transformativer als individuelle Bescheidenheit wirken gemeinschaftliche Prozesse, die beglückender sind als Besitz und Statussymbole. Die Degrowth-Gesellschaft verlangt eine radikalere Transformation als nur im Bereich des Konsums. Wir brauchen ganz andere Produktionsweisen, ganz andere Infrastrukturen, ganz anders gestaltete soziale Beziehungen. Deshalb finde ich das Commons-Narrativ, das die Gemeingüter und Relationen in den Mittelpunkt stellt, so spannend. (…)

Ich erinnere mich an die Schockstarre, in die viele alternative Bewegungen in Italien nach den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 verfallen sind – die Polizei hat den Demonstranten damals den Krieg erklärt, und darauf war der bunte Widerstand nicht vorbereitet. Vorbereitung bedeutet, sich Zeit für die Analyse der Situation zu nehmen: Ab welcher Schwelle fängt etwas an, für die etablierten gesellschaftlichen Systeme zum ernsthaften Störfaktor zu werden? Genauso wichtig sind die Erfahrungen, die Menschen in den sogenannten Nischen machen. In Barcelona lebt zum Beispiel der Geist der Platzbesetzungen durch die »Indig­nados« – die »Empörten« – in einigen Ecken der Stadt weiter. Dort bauen Menschen solidarische Netzwerke lokaler Produktion auf. Diese auch körper­liche Erfahrung gibt Kraft, sich mit Konflikten und Gegenmacht auseinanderzusetzen. Zugleich wächst, was in der Literatur »Education of Desire« genannt wird: durch lebendige Erfahrungen eine Ahnung von dem zu bekommen, was wir wirklich, wirklich wollen. Darin liegt ein starkes Potenzial. (…)

a. Dieses »Heranbilden von Sehnsucht« gehört zur Herzensbildung. In dir entsteht ein unbändiges Verlangen, das zu verwirklichen, was du in Keimform als sinnhaft und schön erfahren hast. – Was mir Sorgen macht: Während wir in unseren Nischen unterwegs sind, setzen andernorts brutale Gewalttäter ein »Kalifat« als Alternative zur Moderne durch. Auch sie haben einen – pervertierten – Degrowth-Ansatz …

Solche fundamentalistischen Gruppen entstehen an der Schnittstelle zwischen der hochtechnischen westlichen Moderne und einer vermeintlichen Tradition, die es so nie gegeben hat und die als Gegenpart konstruiert wird. Auch das ist eine Antwort auf den Wachstumswahn. Es ist denkbar, dass sich Gesellschaften durch einen ökofaschistischen Weg an kommende Krisen anpassen werden. Darum spreche ich von einer demokratisch-solidarischen Degrowth-Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund finde ich es schön, dass das Wort »Imagination« in der Degrowth-Bewegung kursiert. Das gesellschaftlich Imaginäre – die Vorstellungen, die eine Gesellschaft zusammenhalten und unserer Praxis Sinn verleihen – darf sich von faschistischen oder diskriminierenden Tendenzen nicht vereinnahmen lassen. (…)