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Dokumentiert: Aufruf der ersten Generalversammlung der Gelben Westen vom 27.01.2019

D o k u m e n t i e r t

Aufruf der ersten Generalversammlung der Gelben Westen — APPEL DE LA PREMIÈRE ASSEMBLÉE DES ASSEMBLÉES DES GILETS JAUNES (1)

Sonntag, 27. Januar 2019

Wir, die Gelben Westen von den Kreisverkehren, Parkplätzen, den Demonstrationen und aus den Versammlungen, haben uns am 26. und 27. Januar 2019 zu einer Versammlung der Versammlungen getroffen. Etwa hundert Delegationen sind so dem Aufruf der Gelben Westen aus Commercy gefolgt.

Seit dem 17. November haben wir uns vom kleinsten Dorf, vom ländlichen Raum bis zur größten Stadt gegen diese zutiefst gewalttätige, ungerechte und unerträgliche Gesellschaft erhoben. Wir lassen das nicht weiter so geschehen! Wir lehnen uns gegen die hohen Lebenshaltungskosten, die Unsicherheit und die Armut auf. Wir wollen in Würde für unsere Lieben, unsere Familien und unsere Kinder leben. 26 Milliardäre besitzen so viel wie die Hälfte der Menschheit, das ist inakzeptabel. Teilen wir den Reichtum anstatt das Elend! Lasst uns der sozialen Ungleichheit ein Ende setzen! Wir fordern eine sofortige Erhöhung der Löhne, der sozialen Mindeststandards, der Zulagen und Renten, ein bedingungsloses Recht auf Wohnung und Gesundheit, Bildung und kostenlose öffentliche Dienste für Alle.

Dafür besetzen wir täglich den Kreisverkehr und organisieren Aktionen, Demonstrationen und Debatten überall. Mit unseren gelben Westen melden wir uns wieder zu Wort, wir, die das Wort sonst nie haben.

Und was ist die Antwort der Regierung darauf? Unterdrückung, Verachtung, Verunglimpfung, Tote und Tausende von Verwundeten, der massive Einsatz von Waffen, Schüsse, die uns verstümmeln und erblinden lassen, uns verwunden und traumatisieren. Mehr als 1000 Menschen wurden bereits willkürlich verurteilt und inhaftiert. Und jetzt soll das neue so genannte “Anti-Cracker”-Gesetz uns auch noch darin hindern, dass wir weiterhin demonstrieren. Wir verurteilen jede Gewalt gegen Demonstranten, sowohl durch die Polizei als auch von kleinen gewalttätigen Gruppen. Nichts von allem davon wird uns aber aufhalten! Demonstrieren ist ein Grundrecht. Schluss mit der Straflosigkeit für die Ordnungskräfte! Amnestie für alle Opfer der Unterdrückung!

Und was für eine Schande, diese große nationale Debatte, die in Wirklichkeit nichts anders ist als eine Kampagne der Regierung, unseren Willen und unsere Entscheidungen für sich zu instrumentalisieren! Wahre Demokratie wird in unseren Versammlungen, in unseren Kreisverkehren praktiziert, weder im Fernsehen noch in den von Macron organisierten Pseudo- Rundtischgesprächen gibt es sie.

Nachdem er uns beleidigt und uns wie Dreck behandelt hat, präsentiert Macron uns nun als eine faszinierende und fremdenfeindliche Menge aus Hassgefühlen. Aber wir sind genau das Gegenteil: wir sind weder rassistisch, sexistisch noch homophob, wir sind stolz darauf, trotz und mit all unseren Unterschieden untereinander zusammengekommen zu sein, um eine Gesellschaft der Solidarität aufzubauen.

Wir sind stolz auf die Vielfalt in unseren Diskussionen, hunderte von Versammlungen erstellen ihre Vorschläge und stellen ihre eigenen Forderungen auf. Es geht um echte Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit, um die Arbeitsbedingungen, um ökologische und klimatische Fragen und um ein Ende der Diskriminierung. Zu den am häufigsten diskutierten strategischen Forderungen und Vorschlägen gehören: die Beseitigung der Armut in all ihren Formen, die Transformation der Institutionen (RIC, Verfassung, Ende der Privilegien der Abgeordneten….), der ökologische Wandel (Energiesicherheit, industrielle Umweltverschmutzung….), die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrer Nationalität (Menschen mit Behinderungen, Geschlechtergleichstellung, Ende der Benachteiligung von Arbeitervierteln, ländlichen Gebieten und Überseegebieten…).

Wir Gelbwesten laden jeden ein, sich uns anzuschließen, entsprechend seinen Möglichkeiten und unabhängig von seiner finanziellen Lage. Wir rufen zur Fortsetzung der Aktionen auf (Akt 12 gegen polizeiliche Gewalt vor den Polizeistationen, Akt 13, 14….), zur Fortsetzung der Besetzung von Kreisverkehren und der Blockade der Wirtschaft. Wir rufen ab dem 5. Februar zu einem massiven und verlängerbaren Streik auf. Wir fordern die Bildung von Arbeiterausschüssen in den Betrieben, an den Schulen und überall sonst, wo es notwendig ist, damit unser Streik an der Basis von den Streikenden selbst geführt werden kann. Lasst uns unsere Geschäfte selber in die Hand nehmen! Bleibt nicht allein, schließt euch uns an!

Wir wollen uns demokratisch, autonom und unabhängig organisieren! Diese Versammlung aller Versammlungen ist ein wichtiger Schritt, der es uns ermöglicht, unsere Forderungen und unsere Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, diese Gesellschaft zu verändern!

Wir schlagen allen gelben Westen vor, diesen Aufruf weiter zu verbreiten. Wenn eine Gruppe von Gelbwesten mit uns einverstanden ist, so schicke sie ihre Unterschrift an Commercy. Zögern Sie nicht, Vorschläge für die nächsten Versammlungen der Versammlungen, die wir bereits vorbereiten, zu machen und zu diskutieren.

Rücktritt von Macron!

Es lebe die Macht des Volkes, für das Volk und durch das Volk.

Aufruf vorgeschlagen von der Versammlung der Versammlungen in Commercy.

Er wird dann jeder Lokalversammlung vorgelegt werden

(1) APPEL DE LA PREMIÈRE ASSEMBLÉE DES ASSEMBLÉES DES GILETS JAUNES, Dimanche, 27 Janvier, 2019 – URL: https://www.humanite.fr/appel-de-la-premiere-assemblee-des-assemblees-des-gilets-jaunes-666918?fbclid=IwAR1Ee7-nfCXwOAOzufLjc3aGC5Ljnv0UXVCsP2LYxJZbnILICsodQYvE16k#xtor=RS

Übersetzung aus dem Französischen von Marco Wenzel, NDS, 29. Januar 2019 – URL: https://www.nachdenkseiten.de/?p=48777

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Lektürehinweis (Mitteilung von Elke Schenk, 22.01.2019)

Von der globalisierten Wirtschaft abgehängt und vergessen

Richard Aschinger / 18. Jan 2019 – Die «Gilets Jaunes» sind die Folge einer Spaltung der Gesellschaft. Das hat der Geograf Christophe Guilluy schon 2014 dokumentiert.

URL: https://www.infosperber.ch/Artikel/Wirtschaft/Von-der-globalisierten-Wirtschaft-abgehangt-und-vergessen#

Gelb-Westen-Generalversammlung-Aufruf-27Feb2019.pdf

Wie zeigt sich die Nuit-Debout Bewegung ?

globalcrisis/globalchange News
Stephan Best, Martin Zeis, 25.04.2016

Liebe Leute,

in den letzten Tage erreichten uns einige Zuschriften zu unseren Nuit-Debout Postings, die uns

a.) auf Nuit-Debout-kritische Texte http://www.voltairenet.org/article191222.html + http://www.voltairenet.org/article191416.html ) hinwiesen oder

b.) die Auffassung vertraten, politisches Agieren reiche nicht mehr aus, gegenüber dem Neoliberalismus sei zu viel Terrain verloren gegangen, wir bräuchten eine mächtige wirtschaftliche Opposition (Beispiele:
Seniorengenossenschaft Riedlingen; Genossenschaft Mondragen), die im Hier und Jetzt gelebt wird.

Dazu eine Anmerkung:

Uns geht es im Falle Nuit-Debout darum, möglichst genau wahrzunehmen, was vor sich geht, wer diese Bewegung trägt, welche Anliegen vorgetragen werden, wie sich die Bewegung selbst versteht und organisiert, wie die Bewegung in die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Medien ausstrahlt.

Deshalb haben wir auf unseren deutschsprachigen und der englischen Mailingliste seit dem 13.04.2016 einige Texte, Dokumente, Reportagen, Hintergrundartikel – zuletzt den Internationalen Aufruf von Nuit-Debout zu einem Tag der Aktion am 15. Mai 2016 und zu einem internationalen Treffen der Bewegungen am 7./.8. Mai 2016 in Paris – gepostet.*

Ergänzend hat Stephan Best eine 54-seitige Dokumentation – v.a. von Tweets – zusammengestellt. Einführend schreibt er:

„Die folgenden Bilder und Texte entstammen den Internetauftritten von NuitDebout Frankreich und anderer Initiativen, internationalen Aufrufen zu der gleichen Bewegung des Zeitraums Ende März bis Mitte April. Sowohl auf Facebook als auch vor allem auf Twitter zeigt sich die Buntheit und Vielfalt der noch jungen Bewegung. Deutlich zeichnet sich das Bemühen ab zunächst mobilisierend zu wirken, sich keinen etablierten Strömungen oder gar Parteien unterzuordnen. Mittlerweile breitet sich diese Bewegung von Pariser Plätzen über andere französische Städte bis hin zu Orten auf der ganzen, meist westlichen Welt aus. Spürbar wird auch der Versuch Ideen und Forderungen der Lohnabhängigen mit denen anderer Milieus (Studierende, Rentner, Konsumenten, Migranten, Gender, etc. im Sinne der Konvergenz der Kämpfe) zu sammeln und zu thematisieren. Die meisten Forderungen sprechen für sich! Die Organisations- und Aktionsformen erinnern an bekannte Vorbilder des World Social Forum, der globalisierungskritischen Bewegung und anderer, ursprünglich basisorientierter Initiativen.“

Die Dokumentation (pdf-Format) ist über den Link: Doku NuitDebout GC NEWS1 verfüg- und downloadbar.

* Links
http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change
https://www.facebook.com/Echte-Demokratie-jetzt-210471548985466/?fref=nf
https://www.facebook.com/OccupyWien/?fref=photo
www.bento.de/politik/frankreich-was-wollen-die-jungen-demonstranten-der-bewegung-nuit-debout-496609/#refsponi
http://newsjunkiepost.com/2016/04/14/nuit-debout-dawn-of-a-revolution
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/47/47972/1.html
https://web.facebook.com/events/257665001247766

Bernhard SCHMID: Frankreich: "Nuit debout"-Proteste, eine neue Opposition?; TP 16.04.2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 16.04.2016

Hallo zusammen,

im Folgenden ein Auszug aus dem Bericht von Bernhard Schmidt* zur NUIT-Debout-Bewegung in Frankreich. Zur derzeitgen sozialen Zusammensetzung der Bewegung und deren (gewünschter) Erweiterung schreibt er:

„.. Manche bürgerlichen Medien versuchen der Protestbewegung zu schaden, indem sie diese als eine Angelegenheit von Mittelschichtsangehörigen, Yuppies und Intellektuellen behandeln, und gegenüber der lohnabhängigen Bevölkerung eher als eine Art Luxushobby darstellen.

Die convergence des luttes, also das Zusammengehen der Kämpfe in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, wird unterdessen von vielen Rednerinnen und Rednern am offenen Mikrophon der Platzbesetzerbewegung immer wieder beschworen. Der linke Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Lordon, einer der prominenten Köpfe in einer Bewegung, die keine Chefs haben möchte, beschwor die Versammelten schon in den ersten Tagen, auf diverse andere soziale Milieus zuzugehen, um die Bewegung tunlichst zu verbreitern.

Ein stärkerer Brückenschlag als bislang auch zu den Gewerkschaften und Lohnabhängigen sei nötig, betonen viele. Vielen abhängig Beschäftigten ist es de facto relativ schwierig, an allen Ereignissen teilzunehmen, wenn die einzelnen Kommissionen der Platzbesetzung – „Aktion“, „Kommunikation“, „internationale Kontakte“, „Logistik“ und andere – schon inmitten des Nachmittags zu arbeiten beginnen und danach die Vollversammlungen bis Mitternacht dauern.

Deswegen setzt sich die Mehrzahl der Teilnehmenden tatsächlich aus Studierenden, prekär Beschäftigten sowie Intellektuellen zusammen; ihre Erfahrungshintergründe, sofern sie zuvor gesellschaftlich engagiert waren, bringen sie oft aus der Ökologie- und Anti-Atomkraft-Bewegung mit oder aber aus der Migranten-Solidarität und dem antirassistischen Spektrum.

Mohammed ist etwa Mathematiklehrer, Stéphane ist Jurastudent und will sich auf Arbeitsrecht zur Verteidigung der Beschäftigten spezialisieren. Dennoch finden sich auch gewerkschaftlich aktive abhängig Beschäftigte. Zu ihnen gesellen sich auf dem Pariser Platz Hunderte der intermittents du spectacle genannten Prekären der Kulturindustrie, die in Frankreich nicht festangestellt werden, aber in auftrittslosen Zeiten Ansprüche auf Überbrückungsgelder aus einer gesonderten Arbeitslosenkasse haben. …“

— der gesamte Text ist im Anhang verfügbar und über URL: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47972/1.html

* Bernhard Schmid (1971) studierte Jura in Köln und Paris und verfügt über ein abgeschlossenes Jurastudium mit Promotion. Er lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Paris und arbeitet als Jurist für die Gewerkschaft CGT sowie eine antirassistischen Organisation. Neben seinem Beruf ist er als freier Journalist tätig und hat mehrere Bücher verfasst. Beim Unrast-Verlag, Münster, erschienen bisher vier Sachbücher, »Algerien – Frontstaat im globalen Krieg?«, »Das koloniale Algerien«, »Der Krieg und die Kritiker« und »Frankreich in Afrika. Eine Neokolonialmacht in Europa im 21. Jahrhundert«. Bei der edition assemblage, Münster, erschienen die beiden Sachbücher »Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Revolten« und »Distanzieren, leugnen, drohen – Die europäische extreme Rechte nach Oslo« veröffentlicht. Bernhard Schmid konzentriert sich auf die Themengebiete extreme Rechte in Frankreich und Europa, Algerien und französischsprachiges Afrika sowie Gewerkschaften und soziale Bewegungen in Frankreich. zit. a. https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schmid_(Autor)

SCHMID-Bernhard-NUIT-Debout-Proteste-Bericht160416.pdf

NUIT DEBOUT – einige Stimmen jüngerer Leute aus der Bewegung

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 15.04.2016

Hallo zusammen,

anknüpfend an die vorgestrigen Postings* im Folgenden einige Stimmen jüngerer Leute aus der NUIT-Debout-Bewegung zu ihren Werten. ihrer Wahrnehmung der Bewegung, ihrer Kritik des real existierenden Zustands, ihren Vorstellungen von anderen Formen gesellschaftlicher Organisation und Zusammenlebens.

Aufschlussreich sein dürften die auf den Versammlungen entstehenden „Cahiers de Doléances“, die Beschwerdehefte der Bewegung. Dort kann jede/r „reinschreiben, was er denkt und wünscht. Wir tippen das dann nachher ab und drucken es aus. Denn wir wollen ja, dass von dieser Bewegung etwas für die Nachwelt bleibt.“ – Vanya Chokrollahi, 21, Filmemacher.

– dieser Mailtext ist auch im Anhang verfügbar —

* gc-special-english: Angelique CHRISAFIS: Nuit debout protesters occupy French cities in revolutionary call for change; URL: www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change
* gc-deutsch-Listen: Einige Meldungen zur neuen Bewegung in Frankreich „NuitDebout“ — u.a. Echte Demokratie Jetzt: https://www.facebook.com/Echte-Demokratie-jetzt-210471548985466/?fref=nf – Occupy Vienna mit zahlreichen weiteren Links: https://www.facebook.com/OccupyWien/?fref=photo

Einige Stimmen jüngerer Leute aus der NUIT-Debout-Bewegung
— gesammelt und übersetzt von Lisa LOUIS (1) —

Alys Marchi, 30, Schlangenfrau im Zirkus & Camille, 34, Schauspielerin

Wir haben uns heute Abend bei Nuit Debout verabredet, denn wir haben keine Lust mehr. Man zwingt uns immer irgendwelche Gesetze auf, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen – wir leben in einer modernen Diktatur. Eigentlich bestimmt die Finanzwelt doch alles.
Wir waren auch bei dem großen Marsch für die Republik nach den Terrorattacken auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo auf der Straße. Da waren allein in Paris zwei Millionen Menschen zusammengekommen, um zu zeigen, dass Frankreich eine Einheit ist. Genau diese Solidarität sollten wir nutzen, um die Dinge voranzutreiben.
Wir müssen zum Beispiel unser Schulsystem reformieren: Den Franzosen wird von klein auf beigebracht, bloß nicht aus der Reihe zu tanzen. Dabei sollten wir uns eher am nordeuropäischen Modell orientieren, bei dem Kindern mehr Kreativität beigebracht wird.

Bérénice Bédouin, 17, Schülerin

Ich bin ein moderner Hippie und träume von einer besseren Welt. Unsere Gesellschaft ist zu sehr auf Materielles ausgerichtet, darauf, immer mehr zu verdienen. Dabei sollten wir uns mehr um unser inneres Wohlbefinden kümmern.
Ich mache seit einer Woche bei den nächtlichen Treffen von Nuit Debout mit. Die zeigen mir, dass es auch andere Menschen gibt, die sich nach einer Alternative zum aktuellen Lebensstil sehnen. Die auch finden, dass endlich etwas getan werden muss gegen die Veruntreuung von Geldern. Die Panama Papers sind da ja nur das jüngste Beispiel – wir müssen endlich aufwachen!
Wir dürfen nicht warten, bis die Welt Präsidenten hat wie Marine Le Pen vom rechtsextremen Front-National oder den Populisten Donald Trump in den USA.

Marc Haussaire, 32, Gründer

Ich hab die Nase gestrichen voll von der Regierung. Das jüngste Arbeitsgesetz ist wirklich nur die Kirsche auf dem Kuchen der Ungerechtigkeit. Ich habe einfach keine Lust mehr auf dieses System, in dem man systematisch alles für große Unternehmen tut, aber gleichzeitig die Bedürfnisse der Bürger ignoriert.
Ich verstehe ja, dass die globale Welt heute anders funktioniert – das Leben ist hart und geprägt von weltweiter Konkurrenz. Aber in einer solchen Welt können wir nur bestehen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Und nicht, wenn die Regierung gegen uns Bürger arbeitet. Wir diskutieren hier in unseren Ausschüssen über Alternativen zur aktuellen Funktionsweise des Staates. Das Ziel ist es, irgendwann konkrete Gesetzesvorschläge zu machen.

Vanya Chokrollahi, 21, Filmemacher

Ich kümmere mich hier mit ein paar anderen Leuten um die „Cahiers de Doléances“, die Beschwerdehefte unserer Bewegung. Jeder kann hier reinschreiben, was er denkt und wünscht. Wir tippen das dann nachher ab und drucken es aus. Denn wir wollen ja, dass von dieser Bewegung etwas für die Nachwelt bleibt.
Da sprechen sich zum Beispiel Menschen gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP aus oder auch gegen den Präsidenten François Hollande – sie wollen ihn absetzen. Manche setzen sich auch dafür ein, dass Flüchtlinge besser vor der Polizei geschützt werden.
Wo die Reise mit Nuit Debout hingehen wird, das weiß ich noch nicht so genau. Aber jetzt geht es erstmal darum, überhaupt die großen Fragen über das Leben und die Gesellschaft zu stellen. Denn nur gemeinsam können wir die Welt verändern – selbst, wenn das etwas länger dauert.

Mathilde Orgogozo, 26, Logopädin

Ich bin seit dem ersten Abend, seit dem 31. März, dabei. Für mich ist diese Bewegung eine echte Gelegenheit: Ich bin Neo-Marxistin und hoffe mit ganzem Herzen auf eine weltweite Revolution. Denn es scheint, auf friedliche Weise kann man die Welt einfach nicht ändern – die Strukturen sind zu festgefahren!
Auf meinem Schild steht „Ich bin Feministin – fragen Sie mich ruhig etwas“. Denn ich finde die heutige Gesellschaft durch und durch sexistisch – und zwar auf oft subtile Weise. Ich nenne das wohlwollendes Patriarchat. Sexistische Rollenvorstellungen werden in nur scheinbar wohlwollenden Ratschlägen ausgedrückt, zum Beispiel, wenn man mir rät, nicht ohne männliche Begleitung zu Nuit Debout zu gehen.
Aber ich will, dass sich auch andere Dinge ändern: Ich arbeite seit drei Jahren als Logopädin und verdiene gerade mal 1500 Euro im Monat – und das bei fünf Jahren Ausbildung! Ich habe gar keine Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern, weil ich kaum über die Runden komme und immer arbeiten muss. Der einzige Ausweg ist da ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

Simon, 31, Historiker

Wir müssen aufhören, uns nur über unseren Job und unsere Funktion zu definieren und endlich wieder menschlich werden. Natürlich haben wir als Menschen eine generelle Tendenz zu Hierarchie – das scheint vieles einfacher zu machen. Aber genau dem sollten wir uns entgegen setzen.
Bei uns hier gibt es keine Chefs und Untergebenen, jeder hat die gleichen Rechte. Frankreich als Staat sollte sich daran ein Beispiel nehmen, eine Vielzahl an kleinen Versammlungen sollte das Land regieren. So wie in Zeiten des Mongolenanführers Dschingis Khan, da haben auch Dorfgemeinschaften für sich entschieden. Und bei nationalen Fragen kann man immer noch ein Referendum abhalten.
Wenn Nuit Debout es schafft, ein solches Modell vorzuleben, wird das vielleicht dazu führen, dass andere Länder wie zum Beispiel Deutschland es kopieren.

(1) www.bento.de/politik/frankreich-was-wollen-die-jungen-demonstranten-der-bewegung-nuit-debout-496609/#refsponi

gc-NUIT-Debout-statements160415.pdf

Einige Meldungen zur neuen Bewegung in Frankreich "NuitDebout"

globalcrisis/globalchange NEWS
Stephan Best 13.April 2016

Einen Guten Abend an die Listen(n),
Eine neue Bewegung in mehrere Großstädten Frankreichs wird zunehmend auch in deutschen Mainstreammedien zur Kenntnis genommen. Ihre Beurteilung im Netz ist recht unterschiedlich. Am besten ist es anzuhören, welche Ideen und Forderungen die zumeist jungen Leute entwickeln und gegen wen sich ihre Aktionen richten. Vieles erinnert an die Anfänge der Weltsozialforen, der globalisierungskritischen Bewegung, OCCUPY, PODEMOS, Indignados u.ä. . Unten hinein kopiert sind zwei Postings mit weiterführenden Informationen.

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Echte Demokratie jetzt (Facebook) postet:
‪#‎NuitDebout‬: „Hunderte Menschen versammeln sich Nacht für Nacht in Paris, Marseille, Nizza und anderen französischen Städten zu Protestaktionen. Jetzt wird daraus eine landesweite Bewegung. (…) Die Camps werden in den frühen Morgenstunden geräumt, nur um am nächsten Abend neu zu erstehen.

Debattiert werden Arbeitslosigkeit, Armut oder die Misere auf dem Wohnungsmarkt: So politisch die Argumente, so groß das Misstrauen und die Distanz zu den etablierten Parteien.

Premier Manuel Valls versuchte mit einer Reihe von finanziellen Hilfen für Schüler, Studenten und Auszubildende wenigstens einen Teil der Protestbewegung zu besänftigen. Bislang ohne Erfolg. Am Donnerstag wird nun auch Staatschef Hollande endlich Stellung beziehen: In einer TV-Diskussion mit vier handverlesenen Bürgern will der Präsident versuchen, auf die Frustrationen, Ängste und Ärger seiner Landsleute einzugehen.

Die Mobilisierung wird es nicht beeinflussen, eine Ausweitung auf die Vorstädte von Frankreichs Metropolen ist geplant. Auf Twitter läuft bereits die Kampagne: ‪#‎Banlieuesdebout‬.“

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Occupy Vienna postet vorhin:

▶▶▶#Nuitdebout◀◀◀ beendet den europäischen Winter „heart“-Emoticon
Europäische Großmobilisierung für den 15. Mai ?!
Frankreich bleibt wach – Hunderttausende protestieren im Widerstand gegen die verbrecherische, französische Regierungspolitik. Die »Nuit debout«-Bewegung (»Die ganze Nacht wach«), die Ende März entstanden war, hielt am Samstagabend in 120 STÄDTEN (Rennes, Nantes und Toulouse usw.) Kundgebungen ab. In Paris waren es 100.000 Menschen auf der Place de la République, den die Menschen schon in den vergangenen Nächten aus Protest gegen eine geplante ARBEITS-UN-RECHTSREFORM den Pariser Place de la République besetzt (occupiert) hatten.

Am 31. März hatten sich (laut franz. Innenministerium) bereits 390.000 Menschen an den Demonstrationen gegen die Arbeitsrechtsreform beteiligt, am 9. März waren es 224.000. Es werden demnach also wesentlich mehr sein.

DOCH ES IST MEHR ALS SIMPLER PROTEST –> Bekommt jetzt auch Frankreich seine #INDIGNADOS ?
Ähnlich wie in Spanien und bei der Occupy-Bewegung gibt es hier (große) ÖFFENTLICHE VERSAMMLUNGEN, bei denen es zu regen Diskussionen und DIREKTDEMOKRATISCHEN, KONSENSORIENTIERTEN ABSTIMMUNGEN kommt. Wo in Arbeitsgruppen über das Jetzt hinaus verhandelt wird, über RADIKALE DEMOKRATIE, Transnationalismus, über LBTQI*, Antifaschismus und Utopien.
WEITERLESEN (guter Artikel) —> http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change

KAMPF DEN PALÄSTEN – FRIEDE DEN HÜTTEN
Seit dem 31. März bleibt Frankreich wach: In Frankreich versammeln sind Arbeiter, Werktätige, Schüler und Studenten seit Wochen auf den Straßen, um gegen das Arbeitsgesetz „El Khomri“ zu protestieren. In dem Gesetzesentwurf ist vorgesehen, dass die 35-STUNDEN-WOCHE AUF 60 STUNDEN ERHÖHT werden soll. Außerdem ist geplant den KÜNDIGUNGSSCHUTZ zu lockern und somit betriebsbedingte ENTLASSUNGEN ZU ERLEICHTERN. — Angeblich soll somit die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. wtf ??

Wie dieses Paradoxon, Lockerung des KÜNDIGUNGSSCHUTZES und ERHÖHUNG der WOCHENARBEITSSTUNDEN und gleichzeitig Beseitigung der Arbeitslosigkeit Wirkung zeigen soll bleibt ein Rätsel. Dabei würde gerade die Senkung der Wochenarbeitsstunden und der Schutz vor willkürlichen Kündigungen die Arbeitslosigkeit senken.

Wir leben in einer WELT in der mit den produzierten Waren die DOPPELTE WELTBEVÖLKERUNG ERNÄHRT WERDEN KÖNNTE. Jedoch STIRBT jede 6. SEKUNDE EIN KIND UNTER 5 JAHREN AN UNTERERNÄHRUNG.

Es leben auf der Welt 1,4 Milliarden MENSCHEN in EXTREMER ARMUT.
2,5 Millionen Menschen –> leben von 2 DOLLAR PRO TAG.

Unsere Technik ist so weit fortgeschritten, dass es ausreichend wäre wenn jeder Mensch ein paar Stunden pro Tag arbeiten würde. Allerdings sammelt sich der halbe Reichtum auf unserer Erde in den Händen von 1% der Weltbevölkerung. Und den Herrschenden dieser Welt ist dies nicht genug. Sie wollen nun die Ausbeutung in dem zweit reichsten Land in Europa verdoppeln. Doch die unterdrückte Bevölkerung von Frankreich erhebt sich nun gegen die ausbeuterische Politik.

Es wird geträumt auf dem Platz: einen »rêve géneral«, den GEMEINSAMEN TRAUM „heart“-Emoticon –> daß es real auch ANDERS GEHT !